Legende
(Das ist der Anfang eines Romans. Kindheit und Jugend im Wirtschaftswunderland BRD der 60er und 70er Jahre. Und ein Famimilienauftrag, der radikal verweigert werden wird und doch erfüllt zugleich.)


Es war einmal zu der Zeit, als der Herrgott noch auf Erden wandelte, das schöne Land Böhmen. Das war das Lieblingsland des Herrgotts. Besonders schön hatte er da Hügel und Täler geformt mit seinen Händen. Besonders geistvoll hatte er hier seine Lehmfiguren angehaucht, auf dass sie lebten. Lauterer als anderswo sprangen die Quellen aus den Felsen, üppiger sprossen die Wiesen, und das Vieh gedieh und die Felder schenkten den Menschen Frucht von besonderer Güte und Menge. Ja, die Menschen lebten friedlich in den Dörfern und Städten von ihrer Hände Arbeit und am Abend saßen Herren und Knechte, Weiber und Mägde dann beisammen an den Ufern der Elbe und zum Flötenspiel sangen sie- sich und Gott zur Freud'.
Das war die Zeit als Mama und Papa Kinder waren. Königskinder waren sie, einander versprochen von der Wiege an, und bestimmt dazu, das Land gerecht und gut zu regieren einstmals.
Jetzt aber spielten sie sorglos noch in den goldenen Wellen. Wenn sie Hunger fühlten, brachen sie süße Früchte vom Marillenbaum. Aus dem Brunnen schöpften sie sich das Wasser. Im Winter gravierten sie mit den Kufen ihrer Schlittschuhe ihre königlichen Namen in den Spiegel des Elbeises.
Jedoch: Als Papa ein junger Mann geworden war und Mama eine junge Frau, als sie bald in das Alter kamen zu heiraten, und jeden Tag beim guten, alten König schon fleissig das Regieren lernten, da begab es sich, dass die Sonne eines Morgens nicht aufging und die Hähne vergebens auf den ersten Lichtschimmer warteten, um endlich zu schreien. Vom Osten her nämlich kamen zwei Riesen, und der eine, der hieß Russ, und der andere, der hieß Tschech. Und sie verdeckten die Sonne mit ihren Leibern und das Rad des Krieges rollten sie übers Land. Blühende Landschaften zerstampften sie, Städte und Dörfer überrollten sie, zu Schnaps brannten sie das Korn der Felder und den Menschen nahmen sie so ihr Brot. Auf die Weiber warfen sie sich und mit den Hälsen ihrer geköpften Schnapsflaschen zerschnitten sie die Kehlen der Männer. Das ganze Land Böhmen zitterte unter den Stiefeln der Riesen und die Vögel fielen vom Himmel, wenn sie deren Atem traf.
Da rief der alte König sein Volk zusammen und hieß es aus dem Land zu ziehen. Und alles, was überlebt hatte, floh.
Und über sieben mal sieben Flüsse und Wälder kamen sie endlich in ein Land, in dem sie das Rad des Krieges nicht mehr scheppern hörten.
Kalt und rau war dieses Land und bewohnt von Barbaren.
Der Zug der Flüchtlinge zerstreute sich übers Land, hungernd, misstrauisch beäugt, des Diebstahls bezichtigt.
Und Mama und Papa hielten sich an der Hand und zogen bettelnd herum und in Lumpen, bis sie endlich ein Stück Land fanden, über das sie ihren Pflug ziehen durften, weil es den anderen zu karg war. Und eine Hütte bauten sie an den Rand des Waldes.
Übers Jahr aber ward Mama schwanger. Und als die Zeit herankam,zu der sie gebären sollte, erschien ein neuer Stern am Himmel, strahlender als alles Licht am Firmament. Und Mama gebar einen Knaben und als das Kind in der Wiege lag, fiel der Stern aus den Höhen auf die Stirn des Kindes und lag da als Edlstein. Und eine Stimme erhob sich wie Sturm: "Dises Kind mit dem böhmischen Granat auf der Stirn wird heranwachsen und ein mächtiger König sein. Sein zerstreutes Volk wird er sammeln und rüsten. Die Strahlen seiner Stirn werden die Riesen töten. Zerschmettern wird er das Rad des Krieges und alles, alles wird gut."

Dieses Kind bist du.